Lauschen: Ha:ScH – Future Sound Of Brixton (CD)

Ha:ScH.

Ha:ScH?

Das ist weder lautmalerisch für einen Hit von Deep Purple. Noch etwas für Kinder. Es sei denn, sie sind schon in der Lage, eigenhändig zu schwimmen und in ambient-elektronischen Klangtiefen nicht unterzugehen. Dieser Warnhinweis gilt aber auch genausogut für Erwachsene, die keine Zeit haben, sich entfaltenden Klangwelten hinzugeben. Sie verpassen etwas.

Hinter Ha:ScH verbirgt sich das Duo Thomas Hanke und Thomas Schnellen aus Telgte und Münster. Hankes Hauptband ist die Genre übergreifende Ambient-Formation Private Eyes Of Art. Schnellen bewegt sich im Free-Jazz-Bereich ebenso wie in der improvisierten Musik mit dem Duo Partikelgestöber.

Future Sound Of Brixton ist ihre erste Kooperation. Eine Mischung aus Ambient und Spurenelementen traditionellen Rocks, verfeinert mit Sounds aus Sequenzern und Samples. Die Zutaten sind Gitarren und eine Vielzahl elektronisch erzeugter Klänge und Flächen. Irgendwo zwischen Steven Wilsons Ambient-Projekt Bass Communion und Mariusz Dudas Lunatic Soul bewegt sich Ha:ScH – wohlgemerkt zwischen den Soloarbeiten der Köpfe von Porcupine Tree und Riverside.

Die Namen der Ha:ScH-Songs sind auffallend aussageschwach gewählt. Titel wie Circle A, Init To Circle B oder Gate To Sector II klingen nach elektronisch-industriellem Komplex, nach künstlich geschaffener Umgebung. Künstlich gewählt ist auch die Editierung der in Live-Sessions eingespielten Stücke, viele Übergänge sind fließend.

Der erste Eindruck ist allerdings kein künstlicher, sondern ein überaus lebendiger. Die Geräuschkulisse erinnert an einen vor allerhand Getier wimmelnden Dschungel, Weltmusik durchdringt das Dickicht der Klänge. Allmählich werden allerdings die künstlichen Töne vernehmlicher, die Umgebung ist doch eine virtuelle: Es gibt ein Leben im Falschen, zumindest klanglich.

Die Kälte in der Wärme spiegelt sich auch in Init To Circle B. Ha:ScH schafft eine Atmosphäre, als wollte das Duo die Schöpfungsgeschichte künstlichen Lebens nacherzählen. Wenn Gott ein Server wäre, würde er computeranimiertes Leben in die Datenwelt setzen. Mehr noch: Der Statthalter des Servergottes kündigt sich an, die Sounds werden dramatischer, erinnern an einen Helikopter, der in einem Schwarm von Elektrobeats zur Landung ansetzt.

Es folgt im dritten Track, der über 13 Minuten geht, zunächst ein Gewitter heller Töne, das sich zwei Minuten lang vor wohlig dröhnender Kulisse abspielt. Der Dschungel lichtet sich und gibt den Blick frei aufs All. Die knarzende Stimme eines Astronauten ertönt, Neil Armstrong wünscht auf Englisch Frohe Weihnachten, es sind die ersten echten menschlichen Laute auf der CD. Die zweite Stimme gibt es erst, wenn eine Art Vogelgezwitscher und ein Kugelhagel von archaischen PC-Ballerspielen vorbeigezogen sind: Es ist – ganz religionsübergreifend – nun der Ruf eines Muezzins. Später auf der Platte werden noch spielende Kinder unterlegt. Der Mensch insgesamt bleibt Zaungast der Klanggebilde.

Ab Stück 5, Circle C, und den später folgenden Sectoren I und II wird es songähnlicher.

Ha:ScH sind Thomas Schnellen (links) und Thomas Hanke, hier bei einem Live-Auftritt im November 2011. (pic: Detlef Werth, www.werthmarke.de)

Ha:ScH sind Thomas Schnellen (links) und Thomas Hanke, hier bei einem Live-Auftritt im November 2011. (pic: Detlef Werth, www.werthmarke.de)

Die Gitarre erarbeitet sich Feldvorteile und gibt dem pulsierenden Untergrund so etwas wie eine Struktur. Jetzt schimmert allmählich durch, dass Hanke mit der Gitarre mehr anfangen will, als allein Flächen und Texturen beizusteuern. Von Rocksongs ist Ha:ScH aber nach wie vor so weit entfernt wie Deep Purples oben erwähnter Song von einer Droge ähnlichen Namens.

Rhythmus und Beats allerdings haben endgültig Einzug gehalten in Future Sound Of Brixton. In Gate To Sector II und vor allem Sektor II ertappt der Zuhörer sich sogar dabei, mitzuwippen. Drums und Bass-Beats geben den Takt vor, die Gitarre wirft nun den Unter-Rock ab und führt eine Prise Melodie ein.

Am Ende der Platte unterlegen Herztöne schaurig-schöne Gitarrenklänge, wahlweise von flirrenden Tiefsee-Tönen (Walgesänge) oder futuristischen Soundscapes aus dem All umgeben. Kurz vor dem Ende vom letzten Stück End erwarten wir fast die Ankunft des Elektrorockers Alan Parsons, so sehr steuern die Keyboards auf vertraute Songs wie auf Tales of Mystery and Imagination zu. Ehe dies passiert, hat das künstliche Leben seinen letzten Atemzug getan, der Herzschlag setzt aus.

Ha:Sch?
Ha!!ScH.

Die Platte (* = Anspieltipp)

1. Circle A (12:22)
2. Init to Circle B (04:33)
3. Circle B (13:13) *
4. Init to Circle C (00:46)
5. Circle C (6:30) *
6. Welcome to Sector I (04:52)
7. Gate to Sector II (11:38) *
8. Sektor II (04:38) *
9. Gate to End (02:22)
10. End (08:15) *

Die Band

Thomas Hanke – Gitarre, Synthesizer, Synth-Gitarre, Samples
Thomas Schnellen – Synthesizer, Keyboard, Samples

Di Skographie

Future Sound Of Brixton (2011)

Das Netz

Ha:ScHs Erstling gibt’s im Eigenvertrieb über die Homepage der Band, hier klicken.

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