Laufen: Hermann IV, ich danke dir

Allen Wettervorhersagen  – und auch meinen Befürchtungen – zum Trotz war der Hermannslauf am heutigen Sonntag ein Erlebnis ohne große Hitzewallungen. Mal von den normalen Schweißausbrüchen abgesehen, blieb es rund um Detmold und Bielefeld erfreulich frisch, bedeckt und daher äußerst angenehm zu laufen.

Als 4499. von gut 5600 Startern habe ich den Gesamtsieg und den Gewinner Elias Sansar nur knapp den Vortritt lassen müssen… 3 Stunden, 33 Minuten und 16 Sekunden stehen am Ende der 31,1 Kilometer für mich zu Buche. Wobei der Sieg vermutlich nur deswegen futsch ist, weil ich zum ersten Mal beim vierten Start während des Laufes austreten musste. Das hat bestimmt zwei Stunden gekostet! Andererseits habe ich meine Lauffreunde Kora, Dirk und Thomas früh verloren. Sie wähnten mich hinter sich, ich wartete dagegen darauf, eingeholt zu werden und lief 25 Kilometer alleine. Hätte ich geahnt, dass Dirk Probleme mit Muskeln und Pollen heimgesucht hatten, hätte ich auf die Zeit nichts gegeben, Halt gemacht und wäre im Team eingelaufen.

Nächstes Mal, Dirk, versprochen. So war es im vierten Versuch der zweitbeste Lauf für mich. Auf ein Neues am letzten Sonntag im April 2013. Aber dafür heißt es, schon drei Monate zuvor superschnell zu sein. Der Lauf heute war im Januar binnen 96 Stunden ausgebucht.

Laufen: Dem Hermann scheint die Sonne

Na, das ist ja ein wunderbares Geschenk für alle Läufer. Rechtzeitig zum Hermannslauf am morgigen Sonntag macht die Sonne einen auf Sommer. Nicht schwer auszumalen, dass dieses Temperaturhoch dem einen und der anderen unterwegs Probleme bereiten wird. Meinetwegen hätte das Superwetter auch noch eine kleine Warteschleife drehen dürfen. So müssen wir mal sehen, an welcher der Steigungen der Schweiß Tausender Läufer zum reißenden Sturzbach wird.

Großer Ehberg, Tönsberg, die Treppen von Lämershagen oder auch der Eiserne Anton hätte ich gerne viel cooler erlebt. Was soll’s, nach dem Zieleinlauf ist die Freude angesichts des Wetterumschwungs gewiss viermal so groß. Warum vier? Es ist mein vierter Hermannslauf in Folge, schon einmal wurde es am Laufwochenende richtig warm. Da musst du durch, wenn du ein echter Hermann oder eine echte Hermine sein willst.

Lesen: Ace Frehley – Keine Kompromisse

Ace Frehley - Keine Kompromisse

Ace Frehley - Keine Kompromisse

Der Spaceman. Die Plateausohlen. Die weiße Maske mit den um die Augen geschminkten Sternen. Die Gitarre. Gründungsmitglied von Kiss. Paul Frehley, der von sich sagt, als einziger der von der Musik Geküssten mit seinem Geburts(nach)namen die Rock’n’Roll-Welt erobert zu haben, prangt in dem Outfit auf seiner Biographie, hinter das Jahrzehnte lang kein Außenstehender schauen konnte.

Auf der Rückseite ist der gealterte, ab morgen 61-Jährige, ohne Farbe im Gesicht zu sehen. Aber diesmal verhüllt sein Antlitz eine dicke Sonnenbrille. So betrachtet, muss man sich zwischen den Deckeln, auf den 258 Seiten des Buches Keine Kompromisse (erscheint seit 20. März über den Berliner Verlag Iron Pages), sein Bild von Ace, dem Ass an der Gitarre, machen.

Die Geheimnisse, die die Maskenmänner aus New York lange erfolgreich um ihr bürgerliches Aussehen machten, sind ja längst alle aufgedeckt. Was also kann Frehleys Buch noch Erhellendes beitragen? Vielleicht so manche Erkenntnisse über den Werdegang der Band, die eine eigene Version des großen Schauspielers und Musikers Alice Cooper werden wollten. Denn ohne Drama auf der Bühne, ohne die große Show und die fetten Kostüme glaubte das Quartett um Paul und Gene Simmons wohl nicht, aus der dicker werdenden Masse aufstrebender Rockfans auffallen zu können.

Frehley nimmt all jenen Wind aus den Segeln, die der Kommerzband irgendwann die Ernsthaftigkeit ihres Ansinnens absprachen. Um Metal sei es ja nie gegangen, schreibt Frehley beiläufig, sondern um melodiösen Hardrock. Fast folgerichtig eilen die Gedanken des Lesers und von Frehley zu d e n Hits von Kiss, Beth und I Was Made For Loving You, zu denen wohl noch jeder hormongesteuerte Teenager der 70er und 80er Jahre in der Ecke schmuste oder in der Disco abzappelte. Kiss suchte auf Betreiben von Gene Simmons den Massenerfolg, bis die ultimative Melodie entstanden war. Da wird im Studio das Album Alive! nachbearbeitet, bis das letzte bisschen Authentizität mit Klarlack überzogen ist. Alles dient dem Streben nach maximalem Gewinn, der der Musikwelt mit einem bis auf die Spitze getriebenen Rocktheater vergolten wird.

Frehley drückt sich nicht um diese Aussagen herum. Er ist ja auch nicht der erste der Combo, der seine Sicht der Dinge schriftlich niederlegt. Ace bringt natürlich Verständnis dafür auf, dass Kiss den Menschen wie “Flüchtige aus dem Irrenhaus” vorgekommen sein müsse. The show must go on, Hauptsache, die Qualität der Musik fällt im Vergleich dazu nicht zu sehr ab. Bisweilen scheint es Frehley egal zu sein, was die Anführer der Gruppe an Brimborium veranstalten. Die Kohle fließt reichlich, die Drogen und Frauen scheinen unendlich zur Verfügung zu stehen. So ganz erklärlich ist es nicht, dass Ace Frehley das Unternehmen Kiss allmählich leid wird, kümmert er sich doch um so gut wie nichts, sondern genießt die scheinbaren Annehmlichkeiten des Reichtums. Bis seine Sucht für ihn und seine Umgebung unerträglich wird. Dennoch ist nach dem Ende von Kiss nicht Schluss mit der Band, es gibt eine temporäre Wiedervereinigung und schließlich Frehleys Solokarriere.

Eins muss man Ace Frehley lassen: Auch in der Selbstbetrachtung macht er kaum Kompromisse. Es geht ihm weitgehend um Sex, Drugs und Rock’n'Roll. Der Antrieb, sich zu verändern und die Finger von den Drogen zu lassen, wird ab und an deutlich. Allerdings verwendet Frehley weit mehr Platz für die Darstellung seiner Trunkenheits- und Kifferfahrten, die nicht selten am Baum oder in einer anderen Beinahe-Unfallkatastrophe enden. An diesen Stellen wird unsereiner den Eindruck nicht los, als wolle Ace nicht vor den Folgen des unersättlichen Drogenkonsums warnen. Als wolle er vielmehr den Lesern den fetten Roadmovie eines durchgeknallten Rockstars liefern. Es ist schön, dass Frehley heute clean zu sein scheint. Slashs Biographie hat mich in ihrer radikalen Fleischbeschau mehr berührt.

Ace Frehley: Keine Kompromisse. Mit Joe Layden und John Ostrosky. Berlin, März 2012. 258 Seiten, 21,90 Euro. Übersetzt von Andreas Schiffmann. ISBN 978-3-931624-70-5.

Lesen: Stefan Donaubauer – Eckball. Das Fußball-Foto-Rätsel-Buch

Stefan Donaubauer – Eckball. Das Fußball-Foto-Rätsel-Buch

Stefan Donaubauer – Eckball. Das Fußball-Foto-Rätsel-Buch

Wenn der gegnerische Keeper beim Abstoß wieder sein Zeitspiel betreibt. Wenn Donnerstag ohne Europapokal ist. Wenn dringende Geschäfte zu erledigen sind. Wenn das Warten aufs Sportstudio mal wieder quält. Also für die Zeit, in der der Ball einfach nicht rollen will, genau dafür ist Stefan Donaubauers Rätsel-Buch Eckball gedacht.

Es erscheint seit vergangenem Dienstag im Goldmann-Verlag und inszeniert Fußballerwissen und –weisheiten auf oft absurd wörtliche Weise, manchmal bemüht, meistens aber mit dem nötigen Distanzschuss Ironie.

Erst kommt das Foto. Erst auf der folgenden Seite die Erklärung, wie im Lexikon, mit Lautsprache. Hängt also ein Kerl unter der Holzdecke und schwingt den Hammer. Na? Ganz klar: „Einen unter die Latte nageln“ ist hier gefragt. Nicht witzig genug? Dann vielleicht ein Trikot tragender Mann allein am Tresen. Was das sein soll? „Der letzte Mann“. Schon besser, nicht?!

Sind es nicht die Fotos von Christian Seizew, die zum Schenkelklopfer reichen, dann springen oft genug die Erläuterungen ein, die Donaubauer mit Wolfram Aichner erdacht hat. So gibt es zu den Fußballer-Fachausdrücken am Ende des Textbeitrages immer auch drei „Beispiele aus dem wirklichen Leben“.

Stefan Donaubauer (promo-pic: Goldmann)

Stefan Donaubauer (promo-pic: Goldmann)

Auch dabei lässt sich der Scherz-Test anstellen, wenn das gesuchte Wort verdeckt und nur das letzte Realo-Exempel gelesen wird. Etwa: Konrektor. Was könnte die Entsprechung im Fußball sein? Der Wadenbeißer. Hart, nicht wahr, aber das Foto ist noch härter und zeigt Donaubauer tatsächlich bei Tisch, Mund auf und eine menschliche Haxen bissbereit…

So dauert das Buch eine Halbzeit lang, plus fünf Motive Nachspielzeit. Insgesamt eine gute Ergänzung für Leute, die Ben Redelings und seine gesammelten Weisheiten im Bücherregal nicht mehr missen möchten.

Stefan Donaubauer – Eckball. Das Fußball-Foto-Rätsel-Buch. München, 17. April 2012. 208 Seiten, 10 Euro. ISBN 978-3442475964.

Die Netzangebote

Ein Spezial mit Videos und Fotos gibt es hier.

Lauschen: Hasenscheisse – a-Moll (CD)

Hasenscheisse (promo-pic: Gordeon Music)

Hasenscheisse (promo-pic: Gordeon Music)

Wo andere Bands des Zirkus 12 000 Downloads in Bruchteilen von Sekunden absetzen, ist die Potsdamer Gruppe Hasenscheisse das andere Ende des Kommerzbetriebes. 12 000 Tonträger der ersten beiden Alben hat das Quintett unters Volk gebracht. Aber, Herrschaften, im Eigenvertrieb! Auch die ab heute erscheinende CD a-Moll ist beim namentlich exakt auf die Band abgestimmten Hauslabel K.rotten zu Hause.

Nicht Eingeweihte (also auch ich bis jetzt) sollten Vorsicht walten lassen. Die Reggae-Polka-Folk-Bossa-Walzer-Musik macht Spaß, wenn auch auf die Texte geachtet wird. Mehr Beipackzettel gefällig? Gut: Die neun Stücke von Hasenscheisse verlangen volle Konzentration, weil sonst die Ulknudeln mit ihren weisen Gedanken gar nicht in unser Bewusstsein eindringen können.

Und das wäre schade. Weil a-Moll doch so viel Orientierung bietet. Der Titeltrack erklärt uns zum Beispiel die simple Genialität eines Akkordes, mit dem so viel Gutes in die Welt kam. Finde deine Mitte ist Psychomassage, bis Haupttexter Christian Näthe im Refrain auf den Songtitel berlinerisch reimt „Aber wie mache ick denn ditte?“ Das unbedingte Ding zum Einstieg ins neue Album ist eine gelungene Mischung aus Reggae und Folkausflügen, für die sogar ein Akkordeon die gewünschte irische Atmo zaubert. Textlich veralbert Hasenscheisse darin den Tanz ums goldene Kalb, also um sich und seine dritte Jagd auf den Konsumenten. Der Alte thematisiert endlich mal die überfällige Sinnkrise des Weihnachtsmannes, der vom Osterhasen auf die Löffel kriegt. Ach, wer Spaß haben, schunkeln und tanzen will und dabei auch großzügig über den kleinen Unsinn des Lebens hinwegsehen kann, der sollte auf Hasenscheisses Einladung zur Party unbedingt eingehen.

Hasenscheisse – a-Moll (CD)

Hasenscheisse – a-Moll (CD)

Die CD (* = Anspieltipp)

1.    Das Unbedingte Ding *
2.    A- Moll
3.    Kein Bock und keine Zeit
4.    Ohne Feuerwasser
5.    Finde deine Mitte *
6.    Der Alte *
7.    Monika
8.    So wie der Strauß
9.    Hätte, Hätte, Hätte *

Die Band

Christian Näthe – Gitarre, Gesang
Matthias Mengert – Gesang
Sascha Lasch – Percussion
Andre Giese – Bass
Stephan Fuchs – Akkordeon

Di Skografie

a-Moll (20. April 2012)
Für ein paar Köttel mehr (2009)
Für eine Handvoll Köttel (2007)

Die Netzangebote

Die Band ist hier im Netz zu Hause.

Von dem Opener des Albums Das unbedingte Ding gibt es hier ein Video.

Bernd am Grill ist der bis heute am meisten auf deiner Tube geklickte Auswurf der Band. Über zwei Millionen Mal aufgerufen.

Die Tour

…beginnt heute Abend mit einer Release-Party im Berliner Lido und macht leider noch einen Bogen um den Westen.

20. April: Berlin, Lido
27. April: Flensburg, Volksbad
28. April: Rügen, Surfhostel
29. April: Hamburg, Honigfabrik
30. April: Potsdam, Luisenplatz (Rock Against Racism)
1. Mai: Hannover, Maifest der Faust
3. Mai: Jena, Kassablanca
4. Mai: Bremen, MS Stubnitz (+ Beatpoeten + Theaterstück)
5. Mai: Annaberg-Buchholz, Alte Brauerei
19. Mai: Schwielowsee (Rock in Caputh)
25. Mai: Schönermark, Backpfeife
2. Juni: Bittstädt, Bittstädt Open Air
3. Juni: Berlin-Biesdorf, Biesdorfer Parkbühne (Open Air mit MTS)
16. Juni: Treuenbritzen, Sabinchenfest
7. Juli: Rudolstadt, Tanz und Folk Festival
10. Juli: Potsdam, Waschhaus, Rubys Festival
15. Juli: Bremen, Breminale
26. August: Bergsdorf, Kurt Mühlenhaupt Museum
10. November: Berlin-Hellersdorf, Kino Kiste
27. April 2013: Schwedt, Uckermärkische Bühnen Schwedt

Leinwand: Olli Schulz – Showman Olli Schulz (SOS) Live (DVD)

Olli Schulz - Live / Showman Olli Schulz (DVD)

Olli Schulz - Live / Showman Olli Schulz (DVD)

Er ist der nette Kerl von nebenan. Der, mit dem ich ein Pläuschchen halten würde, läge mein Balkon direkt neben seinem. Dem ich öfter sagen würde: „Nee, das ist jetzt nicht wahr, oder?“ Und der antworten würde: „Doch, echt wahr.“ Olli Schulz, der Hamburger Entertainer mit Kreuzberger Wohnung, lebt dermaßen in seinen Geschichten aus der wilden Jugend, dass er vielleicht selbst Wahrheit und Dichtung nicht mehr ganz unterscheiden kann. Oder will.

Es ist aber auch wirklich denkbar, dass der Anhänger einer Metalband zum Stagediving auf die Bühne springen will, die Kante aber verfehlt und sich an den Brustwarzen-Piercings des Sängers festhält. Was das für den freien Oberkörper des Künstlers bedeutet, packt Olli Schulz für gewöhnlich in die Abteilung „Ekel-Storys“. Olli erweckt den Eindruck, als habe er genau das miterlebt. Wer ihn einmal live erlebt hat, kennt das überaus unterhaltsam Unschöne in Schulz’ früherem Leben als Gelegenheits-Roadie, der Bühnen auf- und abbaut sowie Sicherheitsgräben zwischen Bands und Fans sichert.

Allen anderen sei die aktuelle DVD Showman Olli Schulz Live empfohlen, die am kommenden Freitag, 20. April, erscheint. Sie liefert einen gut anderthalbstündigen Mitschnitt eines Auftritts im Heimathafen Neukölln. Dort startete Olli Schulz am 5. Februar 2011 seine vergangene Tournee, mit neuem Programm und der kommenden DVD bereist er schon wieder die Republik.

Olli Schulz live am Flügel, den er nur als Laptop-Tisch benutzt (promo-pic: fairmedia)

Olli Schulz live am Flügel, den er nur als Laptop-Tisch benutzt (promo-pic: fairmedia)

Nicht immer wird ihm ein Flügel auf den Bühnen zur Seite gestellt. Macht aber nichts, Olli Schulz benötigt ausschließlich eine Gitarre und sich selbst für die Musik. Den Flügel nutzt er stilecht als Halter für seinen Laptop. Überhaupt lässt Schulz seinen Liedern erst im späteren Verlauf der Bühnenshow freien Lauf. Früher punktete er mit den melancholischen, teils derben Liedern und füllte den Rest des Abends mit seinen Anekdoten. Das hat sich geändert, mittlerweile rücken die Songs an den Rand und das Stand-up-Talent des Oliver Schulz in den Mittelpunkt. Wenn nicht am Rand der ersten DVD, dann finden sich die Songs im Bonus-Material der Doppel-DVD, das auch eine Art 40-Minuten-Roadmovie über seine frühere “Band” Bibi McBenson enthält, die es aber nie so recht geschafft hat.

Vorher erzählt Olli auf der DVD allerlei Gehaltvolles aus dem Alltag, seinen Gelegenheitsjobs und auch aus diversen Interviews. Auf manches hätte er wie sein Gegenüber wohl gerne verzichtet. Weil das nicht geht, schafft Olli sich mit dem Song „Halt die Fresse, krieg ein Kind“ ein Ventil. Ob das Interview mit der jungen Dame, die ihn gern politisch korrekt gehabt hätte, wirklich so stattgefunden hat? Olli verrät es nicht. Er reicht aber auf der Bühne immer die Gebrauchsanleitung für den Künstler Schulz mit: Jede Geschichte ist „echt wahr“, mindestens zu 85 Prozent. Eine gute Pointe darf dann schon der Fantasie entstammen.

Die Tour (fett = im Westen)

…läuft und hat noch diese Termine

19. April: Köln – Stollwerck
20. April: Hamburg – Große Freiheit
27. April: Berlin – Astra
28. April: Leipzig – Theaterfabrik

Mehr zum Thema im Blog

Über Olli Schulz’ aktuelle CD Save Olli Schulz gibt es hier ein paar Gedanken.

Ein Interview mit Olli Schulz gibt es an dieser Stelle.

Lauschen: The Jubilee Album – 20 Magic Years (CD)

Zum Geburtstag gibt es Geschenke. Zu guten Bräuchen zählt in vielen Haushalten auch der, Kindern so viele Gäste zur Feier zu erlauben, wie der Sprössling an Jahren zählt. Bei ACT ist das in abgewandelter Form nicht anders. 20 Jahre ist das deutsche Jazz-Label anno 2012, und 20 Ständchen umfasst auch das Album zum runden Geburtstag.

ACT Music beschenkt sich selbst für seinen Wagemut, namentlich Siggi Loch, in den Anfangsjahren und die sich anschließende Erfolgsgeschichte. Alle 20 Geschichten hinter den Künstlern zu erzählen, würde ungefähr so viel Platz einnehmen, wie das beigelegte Booklet, der Katalog des Münchener Labels, an Seiten umfasst.

Allein die Namen der Beteiligten und somit der unter Vertrag stehenden Künstler klingt wie ein Who ist Who des zeitgenössischen Jazz in seinen zahlreichen Facetten. Esbjörn Svensson, Nils Landgren, Al di Meola, Norah Jones oder Ulf Wakenius. Dieser Überblick über 20 Jahre Jazz-Geschichte in instrumentaler, souliger oder auch rockiger Ausformung ist mehr als eine lieblose Zusammenstellung, wie sie sonst Compilations bieten. Die ersten beiden Tracks sind instrumentale Gegensätze, etwa Michael Wollnys Piano-Version von Mahlers fünfter Sinfonie oder das dagegen unglaublich rockende Heart Shaped Box von Nirvana, interpretiert am Flügel von Yaron Herman. Bedürfte es noch eines Denkmals für den tödlich verunglückten Esbjörn Svensson, dieses Album würde es mit From Gagarin’s Point Of View tun oder auch mit Lapp Nils Polska im Zusammenspiel mit dem Rot-Posaunisten Nils Landgren.

Selbst wer meint, zu Jazz keinen Zugang zu finden, sollte die randvolle CD auf sich wirken lassen. Zumal es sie zum Sonderpreis gibt, wie etliche andere Veröffentlichungen von ACT in diesen Wochen.

Die CD

1.    Symphony No. V, Mov 1: Trauermarsch – 3:36 (Gustav Mahler – performed by Michael Wollny)
2.    Heart Shaped Box – 4:38 (by Kurt Kobain – performed by Yaron Herman)
3.    Bitter Ballad – 4:08 (by Youn Sun Nah, Mathias Eick, Lars Danielsson)
4.    Shapes – 5:20 (by Wolfgang Haffner)
5.    Tarantella – 5:02 (by Lars Danielsson, Leszek Mozdzer)
6.    Brutal Truth – 3:59 (by Ida Sand)
7.    Dancing – 5:14 (by Keith Jarrett – performed by Ulf Wakenius)
8.    The Seagull – 3:18 (by Paolo Fresu, Richard Galliano, Jan Lundgren)
9.    From Gagarin’s Point Of View – 4:03 (by e.s.t. Esbjörn Svensson Trio, Esbjörn Svensson, Dan Berglund, Magnus Öström)
10.    Love Is Real – 5:09 (by Esbjörn Svensson, Josh Haden – performed by Viktoria Tolstoy)
11.    Close To You – 4:01 (by David Bacharach / David Hall – performed by Rigmor Gustafsson, Jacky Terrasson Trio)
12.    Shadows In The Rain – 3:26 (by G.M. Sumner - performed by Christof Lauer, Jens Thomas, Sidsel Endresen)
13.    Calima – 4:44 (by Gerardo Nuñez- performed by Gerardo Nuñez, Chano Dominguez, Michael Brecker)
14.    Lapp Nils Polska – 4:16 (traditional – performed by Nils Landgren, Esbjörn Svensson)
15.    I Walk The Line – 5:04 (by Johnny Cash – performed by Norah Jones und Joel Harrison)
16.    Idoma – 5:27 (by Nguyên Lê – performed by Nguyên Lê, Renaud Garcia-Fons, Mino Cileno)
17.    Greensleeves, What Child is this – 3:41 (traditional - performed by Bugge Wesseltoft)
18.    Norwegian Psalm – 4:48 (traditional – performed by Joachim Kühn, Markus Stockhausen, Michael Gibbs)
19.    Tangos – 8:38 (by Vince Mendoza – performed by Vince Mendoza, Al Di Meola, Michael Brecker, WDR Big Band)
20.    Thank You For The Music – 3:30 (by Björn Ulvaeus, Benny Andersson – performed by Nils Landgren Funk Unit)

Lesen: Joe Bausch – Knast

Joe Bausch - Knast (Ullstein Verlag)

Joe Bausch - Knast (Ullstein Verlag)

Joe Bausch tritt nicht wie ein romantischer Poet auf. Der Mediziner und Schauspieler liebt das Schnörkellose. Darum heißt die Beschreibung seines Berufsalltags im Werler Gefängnis schlicht Knast, direkt und klar. Mit einem Höchstmaß an analytischer Schärfe und keinerlei Berührungsängsten mit Kraftausdrücken seziert Bausch die Krankheitsbilder, die sich mit Verbrechensmustern paaren. Neben den Bildern seiner inhaftierten Patienten, die Bausch intensiv zeichnet, reflektiert er auch wiederholt seine eigene Rolle und Gefährdung in einem der größten Gefängnisse Deutschlands.

Wenn Bausch darlegt, mit welchem Schlag Menschen er es zu tun hat, auf welche Weise seine Arbeit von den Schutzbefohlenen häufig torpediert wird, fällt es schwer, Verständnis für seine Liebe zu genau der Stelle aufzubringen. Da werden Lügengeschichten über Krankheiten aufgetischt, um Hafterleichterungen (Einzelzelle, Medikamente, Privatkleidung…) zu bekommen. Da wird der Anstaltsarzt mehrfach pro Jahr von seinen Patienten vor Gericht gezerrt, um ihm Behandlungsfehler und andere vermeintliche Kunstfehler nachzuweisen. Da lauert die “Belegschaft” der JVA darauf, Schwächen und positive Grundeinstellung eines Arztes ohne Rücksicht auszunutzen.

Tatsächlich ahnt der Leser mehr, als dass er es nachfühlen kann, welche Freiheit der Job eines Gefängnisarztes hinter hohen Mauern und verschlossenen Sicherheitstüren dennoch gewährt. Bausch erklärt seine Liebe zum Beruf mit dem Verweis auf einen Dorfarzt, den er selbst in seiner Kindheit erlebt hat (Bausch wird 2013 runde 60 Jahre). Auf jenen Arzt, der Zeit hatte, sich kümmerte, zu den Patienten fuhr anstatt sie in seinem Wartezimmer zu stapeln. Der den ganzheitlichen Ansatz verfolgte, auch die Ursachen für eine Krankheit zu ergründen und nicht nur die Symptome kurieren zu wollen.

Genau diese Zeit und Freiheit erlaube ihm die Arbeit hinter Gittern, sagt Bausch. Zwischen all den Mördern, Betrügern, Räubern, Totschlägern und Kinderschändern sitzt der Gefängnisarzt, kennt die Lebens- und Leidensgeschichten der gut 800 Insassen und weiß Wehwehchen und wahre Krankheiten sehr genau einzuordnen. Weitgehend arbeitet Bausch in Werl für sich, wenngleich er natürlich genau Buch führen muss, um sich selbst zu kontrollieren und vor rechtlichen Konsequenzen wirksam zu schützen.

Immer wieder kommt Bausch aber auf das Wesen der meisten Inhaftierten zurück, auf das Böse in ihnen, das je nach Persönlichkeitsstruktur jederzeit und unvermittelt ausbrechen könne. Es scheint, als müsse Bausch sich dies während des Buches auch selbst in Erinnerung rufen. Damit bei allem Spaß an der Arbeit seine Aufgabe ja nicht verklärt werde. So mangelt es nicht an harten Fakten, was mit Medizinern, Psychologinnen oder Beamten geschehen kann, wenn sie im Verhältnis zu den Gefängnisinsassen zu viel Nähe oder Unaufmerksamkeit zulassen.

Joe Bausch (promo-pic: Martin Steffen / Ullstein)

Joe Bausch (promo-pic: Martin Steffen / Ullstein)

Eindrücklich sind Bauschs Schilderungen auch dann, wenn es um die Verantwortung seiner umfassenden medizinischen Arbeit geht. Häufig schrillen die inneren Alarmglocken, wenn Insassen Anzeichen von Depressionen oder Psychosen zeigen. Dann geht es um das Retten von Menschenleben, von Menschen, die womöglich für den Tod anderer verantwortlich sind. Nicht immer reichen die Vorkehrungen im Justizvollzug, den Freitod von Gefangenen zu verhindern. Auch das zu gewährleisten, trotz aller begangenen Grausamkeiten, ist eine große psychische Herausforderung für einen Gefängnisarzt, der seinem Beruf an ein- und derselben Stelle inzwischen 25 Jahre nachgeht.

Verweise zu seiner Arbeit als Schauspieler, etwa als Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth im Kölner WDR-Tatort, kommen eher zurückhaltend. Bausch bauscht sich nicht auf, sondern sagt an einer Stelle lakonisch, dass die ihn in der Realität umgebenden Verbrechen und Motive oft viel profaner sind, als die erdachten im Fernsehfilm. Eifersucht, Gier, Zufall, Affekt machen aus dem realen Menschen schnell einen Verbrecher, wenn es auf einmal einen Anlass gibt. Die von langer Hand vorbereitete, tiefgründende Schandtat ist dagegen eher eine fiktive. Der Filmmord solle die zuschauenden Menschen mit Schaudern an das Leben und die existenziellen Fragen erinnern.

Joe Bausch wird vermutlich den Rest seines Berufslebens hinter Schloss und Riegel verbringen. Die Hochachtung dafür, einen solchen Dienst an der Gesundheit von der Gemeinschaft aussortierter Menschen zu verrichten, wird ihm spätestens nach dem Lesen des Buches gewiss sein. Zumal er es nicht bei der Beschreibung der Arbeitsumstände belässt, sondern vehement für eine verbesserte finanzielle und personelle Ausstattung der Gefängnisse eintritt. Das tut er bewusst gegen die landläufig vorherrschende Meinung, dass ein nicht geringer Teil der Insassen “für immer weggesperrt” gehöre und keinen “Luxus” verdiene.

Joe Bausch: Knast. Berlin, 15. März 2012. 288 Seiten, 19,99 Euro. ISBN: 9783550080043.

Lauschen: 15 Minuten mit Olli Schulz

Olli Schulz in seinem Element, mit Mikro vor den Lippen (promo-pic: fairmedia)

Olli Schulz in seinem Element, mit Mikro vor den Lippen (promo-pic: fairmedia)

Diese Geschichte ist eigentlich unmöglich, aber echt wahr. Auf 15 Minuten will ich das Gespräch mit Olli Schulz deckeln. Weil die Vermutung nahe liegt, dass der Schnell- und Vielredner in dieser Zeit so viel von sich gibt wie andere in einer halben Stunde. Weil Zeit Geld ist, muss ich wirtschaftlich denken und verwickele den norddeutschen Unterhaltungskünstler in ein Interview, das fünf von sechs möglichen Themen behandeln soll. Nach Adam Riese werden Olli Schulz so etwa drei Minuten brutto pro Thema bleiben. (Ich führe in Klammern Buch!) Die Begrenzung ergibt zusätzlich Sinn, weil Olli sich bei einem vorgelagerten Radiointerview natürlich verquatscht hat und mich ne Weile warten lässt.

Olli, das Interview kommt für mich wie gerufen. Echt wahr, ich lege gerade draußen den Rasen tiefer und brauche die Pause vom Buddeln. Das macht eigentlich überhaupt keinen Spaß, nur Schweiß.

Olli Schulz: Das glaube ich, das ist nicht schön. Ich hab ja überhaupt keine Ahnung von Gartenarbeit, mir fehlt der grüne Daumen.

Warum? Innenstadtwohnung in Kreuzberg und kein Grün drumherum?

Doch, Kreuzberg ist schon grün. Aber ich muss ja gottlob nicht den Görlitzer Park umgraben. Außer vielleicht, wenn ich Drogen suchen würde. Da wird ja immer viel verbuddelt, weil das dort immer noch eine heiß umkämpfte Szene ist. Aber davon halte ich mich ja fern. Nein, ich habe eine Wohnung ohne Garten, nur mit einem kleinen Balkon und zwei jämmerlichen kleinen Topfpflanzen drauf. (1:14)

Ich habe sechs Themen zur Auswahl, davon müssen wir fünf nehmen, über die ich sprechen möchte. Nein, ich natürlich nicht, sondern du, oh Pardon, oder Sie oder auch Ihr beide? Darf ich die mal kurz aufsagen?

Ja.

Danke. Als da wären: Adele, Frühling, Rettung, GEMA, die neue DVD und Mike Krüger. Den Frühling haben wir ja schon kurz angesprochen, den müssen wir also nehmen. Ein Thema ist tabu.

Also, mit Adele kenne ich mich zu wenig aus. Ich weiß nur, dass die wahnsinnig erfolgreich ist. Ich hab keine ihrer beiden Platten gehört. Dass sie zwei gemacht hat, ist alles, was ich weiß. Darum lassen wir die lieber weg, ja? (2:00)

Nein, geht nicht, tut mir Leid. Ich mach’s mal kurz.

Ja.

Wir müssen die neue DVD weglassen, die besprech ich ja sowieso noch, darüber müssen wir uns dann nicht auch noch unterhalten, oder?

Ach, so. Ne, okay, dann müssen wir uns darüber nicht noch unterhalten…

Das ist gut, danke. Also, fangen wir mit dem Frühling an?

Ja.

Das Thema haben wir schon durch. Ich hab über meinen Rasen gesprochen, und darüber sind wir auf dem Balkon in Kreuzberg gelandet. Das würde mir reichen, oder müssen wir die beiden Topfblumen noch vorm Verwelken retten?

Nö, die werden immer eifrig von meiner Frau gegossen. Die passt schon auf, dass die nicht verwelken. (2:36)

Vom passiven Gärtner Olli Schulz flugs zu Adele. Die Sängerin nimmt sich ja heraus, so gut wie keine Interviews zu geben. Hat sie natürlich in einem Interview mitgeteilt. Ist das nicht der Traum für einen Unterhaltungskünstler, nicht mit wildfremden Menschen wie mir sprechen zu müssen?

Olli Schulz live am Flügel, den er nur als Laptop-Tisch benutzt (promo-pic: fairmedia)

Olli Schulz live am Flügel, den er nur als Laptop-Tisch benutzt (promo-pic: fairmedia)

Das ist wirklich ein großer Traum. Und ich bewundere auch Künstler, die das schaffen, sich so aufzubauen und zu positionieren, dass sie Interviews gar nicht nötig haben. So eine Band wie Rammstein muss ja auch kaum Interviews geben. Ist doch toll, da kann man sich mehr auf die Musik und alles andere konzentrieren. Mir fällt es immer schwer, so viel über mich selbst zu reden. Da muss ich immer anfangen, mich zu definieren und zu erklären. Das mag ich alles gar nicht so gerne. Ich habe allerdings jetzt eine Plattenfirma, die dafür Verständnis aufbringt, dass ich mir die Perlen aussuchen darf. Derwesten gehört natürlich zu den absoluten Speerspitzen des investigativen Journalismus’, deswegen bin ich hier jetzt dabei! (3:41)

Aber wir kennen uns doch gar nicht…

Nee, ich weiß. Aber die Plattenfirma meint, es ist ganz gut, wenn ich in den Westen gehe.

Gut, es dauert ja auch nicht so lange, und mein Garten ruft schon nach mir. Adele hätten wir abgehakt, Olli, kommen wir vielleicht zum nächsten Thema Rettung. Die neue CD trägt im Titel das Wort „save“. Wovor muss Olli Schulz eigentlich gerettet werden?

Olli Schulz muss davor gerettet werden, dass er nicht wahnsinnig wird in diesem Musikbusiness, in dem er seine Platten veröffentlicht. Darin weiter zu existieren ist nämlich gar nicht mal so einfach. Es ist jetzt die fünfte Platte, die ich gemacht habe, bei der vierten Plattenfirma. Ich gehöre zu den Künstlern, die zwar immer ein schönes Publikum haben, das reichhaltig bei den Konzerten erscheint. Aber ich habe nie die Erwartung der großen Plattenfirmen erfüllt. Die Sony hat nach meiner vierten Platte den Vertrag nicht verlängert, und so hieß es, für die neue CD wieder eine Plattenfirma zu finden. Und das ist wahnsinnig mühselig, dieses gesamte Business-Gequatsche, wieder einen neuen Vertrag zu verhandeln. Und das hat mich so ein bisschen genervt. Genervt hat mich auch, wie eben bei den Interviews schon gesagt, dass man durch so eine Schweinetour gejagt wird. Das war bei der letzten Platte mit Sony ganz schlimm. Ich habe ohne Ende Interviews gegeben, bin in fünf Medienstädte eingereist, um dort Interviews zu machen. Hat am Ende auch nicht mehr gebracht. Da machst du unendlich viele Sachen um deine Kunst herum, die einen doch ziemlich aussaugen. Außerdem ist es immer schwer, Musiker zu finden, die mit einem am selben Strang ziehen. Du musst die Musiker bezahlen, und das alles hat mich so sehr genervt, dass ich schon überlegt habe, keine Platte mehr zu machen. Bis ich dann doch ganz langsam wieder angefangen habe, Songs zu schreiben. Und den Titel finde ich ganz passend, weil er die Umstände beschreibt, wie diese Platte entstanden ist. (5:54)

Ich hätte nun Mike Krüger im Angebot.

Ja.

Wie kriegen wir denn da jetzt eine Verbindung zu Olli Schulz hin?

Ich hab Mike Krüger nie gehört. Das ist das Problem. Ich kenne nur die Filme mit Thomas Gottschalk, die ich als Kind natürlich auch geguckt habe. Den Film Die Einsteiger fand ich damals ganz witzig. Als Kind hast du doch genau diesen Traum, in die Filme einzusteigen, die du toll findest. Das Prinzip damals war, glaube ich, dass die eine Maschine erfunden hatten, mit der sie in ihre Lieblingsfilme eindringen konnten. Das klingt doch toll, super Sache! Das ist das Einzige, das mich mit Mike Krüger verbindet. Ich habe nie eine Platte von ihm besessen. (6:40)

Hm. Eine gewisse Art Humor und der nördliche Zungenschlag reichen also nicht aus, um Olli Schulz zum modernen Mike Krüger zu küren?

Ich hab gerade nicht einen guten Gag von Mike Krüger im Kopf. Mike Krüger hat doch immer so…

…den Nippel durch die Lasche gezogen?

…den Song kenne ich. Aber kann man das mit mir vergleichen?

Olli Schulz live (promo-pic: fairmedia)

Olli Schulz live (promo-pic: fairmedia)

Wohl nicht. In deinem Fall habe ich übrigens einen Fehler gemacht. Ich habe zuerst deine CD save Olli Schulz gehört und dann die DVD angeguckt. Beim Ansehen des Pressemusters der Live-DVD habe ich erst festgestellt: Boah, sind die Lieder live gut.

Hat dir die DVD gefallen?

Ja, die DVD gefällt mir. Zum Bonus-Teil mit der skurrilen Band-Reise allerdings muss ich sagen: Der ist wohl nur was für echte Fans.

Der ist nur was für ganz Hartgesonnene, das stimmt allerdings.

Ja, ich hab mir das so zehn Minuten ungefähr angeguckt. Und dann gedacht: Wenn ich mir die normale Bühnenshow viermal reingezogen habe, bin ich ein so eingefleischter Fan, dass sich mir auch das Bonus-Material erschließt.

Ja, deswegen ist das ja auch ein Bonus.

Genau, Bonus ist Bonus und alles andere als schlecht. Aber wir sind von Mike Krüger abgekommen und davon, warum ich mich überhaupt an ihn erinnert fühlte. In einem der Live-Songs im späteren Teil der DVD hörte ich auf einmal den Krüger-Helden meiner Jugend durch dich sprechen. Hätten wir das auch. Thema fünf von sechs ist die GEMA. Fluch oder Segen?

Eigentlich ist die GEMA schon ein Segen für den Künstler, wenn sie denn mal richtig aufgestellt wäre. In unserer modernen Zeit ist das gerade das Problem. Es gibt heute so viele Wege, Musik zu vertreiben, und die GEMA kommt da nicht hinterher. Es bedarf dort wohl einer Reform. Damit es eine Klärung in der ganzen Internet-Diskussion gibt, die gerade wieder von Sven Regener angespitzt wurde. Ich kann als Künstler, der zehn Jahre Platten macht, nur sagen, dass ich aufgewachsen bin mit dem Phänomen, dass man CDs brennt, aus dem Netz saugt und dass man bei Youtube Videos umsonst angucken kann. Ich finde das nicht toll, habe es aber zu akzeptieren, weil es für mich gar keine andere Zeitrechung gab. 2003 kam meine erste Platte, und seitdem wird auch schon gebrannt oder auch ein paar Jahre länger. Leider spielen Künstler wie ich, die nur eine überschaubare Anzahl von Platten verkaufen, gerade mal die Produktionskosten für ein Album wieder ein. Also profitiere ich von der GEMA eigentlich nur über Live-Auftritte. Wenn ich live spiele, anschließend fleißig meine GEMA-Bögen ausfülle und dafür dann mein Geld bekomme. Das ist schon super. Es wäre natürlich schön, wenn man grundsätzlich eine Lösung finden würde, das Geld zu bekommen, das einem zusteht. Auch für Youtube-Clips etwa. Dass es da keine Einigung gibt! Wobei ich nicht mal sagen will, dass das allein an der GEMA liegt, auch Google spielt da nicht mit, weil die nicht bereit sind einzulenken. (10:41)

Sind wir denn inzwischen nicht wieder da angekommen, dass der Künstler von der Bühne in den Mund lebt?

Ja, das ist ja das Traurige daran, weil die Ticketpreise immer teurer werden. Ich habe normalerweise immer versucht, bei meinen Shows unter 20 Euro zu bleiben. Jetzt gehe ich bei der neuen Tournee zum ersten Mal raus und nehme 21 Euro. Das ist okay. Ich wünschte aber, es wäre nicht immer so angelegt, als Künstler über die Ticketpreise noch viel Geld zu verdienen. Ich will doch Menschen, die sich eine Show zum ersten Mal angucken möchten, auch die Gelegenheit dazu geben. Und niemanden abschrecken, dass er sagt: Wow, das ist mir aber jetzt zu viel Geld. Da ist, glaube ich, gerade eine blöde Verlagerung. Es fehlt an neuen Geschäftsmodellen, wie ich als Künstler an mein Geld kommen kann. Ich will ja auch nicht meine T-Shirts für 30 Euro verkaufen. (11:30)

Die GEMA habe ich als Thema in meine Liste aufgenommen, weil in deiner DVD ja ab und zu ein paar Einblendungen kommen.

Olli Schulz mit theatralischen Qualitäten, hier in Goethes ... (promo-pic: fairmedia)

Olli Schulz mit theatralischen Qualitäten, hier in Goethes ... (promo-pic: fairmedia)

Wir haben diese Tafeln mit einem kleinen Augenzwinkern einmontiert. Wir haben uns nicht mal um die Rechte für die paar Musikstücke bemüht, da wäre die Arbeit viel zu hart gewesen. Bei dem einen Mal cover ich Kiss’ I Was Made For Loving You, das andere Lied hab ich jetzt gar nicht in Erinnerung. Also zwei Lieder, über die wir diese Einblendungen legen mussten. Alles halb so wild. (12:14)

So, das waren dann am Ende doch sechs von sechs Themen. Ist das schlimm?

Nein, überhaupt nicht.

Hättest du noch etwas, das du von mir wissen wolltest?

Ähm.

Oder soll ich dir direkt mit einer Antwort dienen?

Ja.

Ich habe die DVD gestern Abend in der Badewanne geguckt.

Ah, und wie war das?

Warm und nass.

Und auch unterhaltsam oder mehr so: Ach, jetzt könnte es auch endlich vorbei sein, damit ich endlich aus der Badewanne raus kann?

Nein, nein. Meine Frau kam irgendwann um die Ecke und fragte, ob ich wohl eingeschlafen sei. Ich hab mich wohl ziemlich lange mit der DVD aufgehalten.

Ah, okay. Aber eingeschlafen bist du nicht, das ist schon mal gut. Das ist ein gutes Zeichen. (12:53)

Eingeschlafen? Überhaupt nicht. Mehr davon!

Ja. Es gibt jetzt ne Tour ab dem 12. April, und dazu auch ein neues Programm. Ich wäre ja wahnsinnig, wenn ich das DVD-Programm jetzt noch mal auf der Tour zeigen würde. Die Leute, die sich die DVD kaufen, kennen das dann alles schon. Das wär dann ja auch schade.

Wie viele Geschichten auf der neuen Tour sind eigentlich frei erfunden, und wie viele hast du als Bühnenroadie tatsächlich erlebt?

Das verrate ich nicht. Ich erzähl das ja auch auf der DVD: Die Kunst besteht doch darin, nicht mit erstunkenen und erlogenen Geschichten zu kommen. Aber es kann schon mal sein, dass ich mir ne Pointe dazu knote. Ich finde, das ist auch völlig legitim. Ne Gute Geschichte musst du gut erzählen, und dazu darf ich mir auch eine gute Pointe ausdenken, wenn der Rest der Geschichte sensationell ist. 80 bis 90 Prozent sind schon wahr. Und dann gibt es kleine künstlerische, ähm,… (13:48)

…Kniffe?

…Einspieler, Kniffe, genau.

Bei Schriftstellern erwartet ja auch niemand eine Doku, oder?

Genau. Ich meine, es gibt eine Menge Leute, die darauf pocht, dass man Authentizität zeigen muss. Ein großer Hörerkreis an Menschen, die das immer schätzen, wenn man so authentisch, so ehrlich ist und so weiter. Wer tatsächlich was Authentisches erleben will, der kann ja mal einen Nachmittag im Krankenhaus verbringen. Das Leben ist doch authentisch genug, da muss ich nicht derjenige sein, der 1:1 das Leben erklärt. Ich möchte die Leute unterhalten, und das auf eine sympathische Art und Weise. Und dazu gehört, dass ich mir auch mal eine Pointe ausdenke. (14:47)

Vielen Dank fürs Gespräch!

Sehr gerne. Schreib was Schönes, gib dir Mühe, Volker!

Wird schon, unsere 15 Minuten muss ich jetzt nur noch abtippen, vielen Dank auch dafür. Da freu ich mich schon drauf, echt wahr!

Ich muss heute noch fünf Interviews geben, das ist auch nicht besser.

Du armer… Halt durch!

(Nachtrag: Das waren sie, meine allerersten, zeitlich genau gesetzten und handgestoppten 15 Minuten mit Olli Schulz. Und nur solche Harten müssen direkt wieder in den Garten.)

Mehr zum Thema

Im Blog gibt es hier eine Betrachtung von Olli Schulz’ neuer CD SOS.

Lauschen: Steve Thorne – Crimes & Reasons (CD)

Steve Thorne - Crimes & Reasons (CD)

Steve Thorne - Crimes & Reasons (CD)

Steve Thorne ist ein Selfmademan von der Insel. Ohne Bands wie Arena, IQ auf der einen und Porcupine Tree oder Dream Theater auf der anderen Seite hätte es den Multi-Instrumentalisten wohl kaum an den Strand gespült.

Und so ist sein inzwischen viertes Album (erscheint seit 26. März über SPV) seit Mitte der Nuller Jahre ein beachtenswertes Stück Neo-Progs. Das wird gleich beim Eingangsstück Already Dead deutlich, dass die No-Future-Mentalität von Porcupine Trees Album Fear Of A Blank Planet kopiert, ohne zu rocken. Und dabei wird der Gesang trotz des niederschmetternden Themas versöhnlich gehalten.

Im Titelstück, Crimes And Reasons, erinnert der Refrain stark an die melodiösen Frühwerke der Progressive-Metal-Könner Dream Theater, wie sie etwa auf Take The Time zum Schunkeln animierten.

Und dieser Melodie-Liebe bleibt Steve Thorne treu, so sehr er auch ernste und schwer auf den Menschen lastende Themen in Musik überträgt. Mit Everything Under The Sun und Moth To Flame finden sich zwei Balladen, die erste weitgehend akustisch, die zweite kräftiger. In Modern Curse klingt schließlich der Progrock der Dinosaurier Rush durch. Im durch und durch eingängigen Fadeaway schaukelt Thorne die Keyboard-Geigen zu einer dramatischen Klangwand auf. Allerdings ist es Tony Levins Bass, der hier vor allem im Gedächtnis bleibt. Und weniger Thornes Singer-Songwriter-Pop, den zum Beispiel das Stück Yonderverkörpert.

Steve Thorne (promo-pic: Pirate Smile)

Steve Thorne (promo-pic: Pirate Smile)

Insgesamt eine ansprechende Prog-Scheibe von Steve Thorne, der den zeitgenössischen britischen Prog um eine melodiöse Scheibe erweitert.

Die CD (* = Anspieltipp)

1. Already Dead
2. Bullets And Babies
3. Crimes And Reasons *
4. Everything Under The Sun
5. Fadeaway
6. Moth To Flame *
7. Blue Yonder
8. Making Pans
9. Modern Curse *
10. Distant Thunder *

Die Band

…besteht eigentlich nur aus Thorne selbst, der für die aktuelle CD aber eine illustre Gästeschar gewonnen hat.

Steve Thorne Gesang, E- und Akustik-Gitarre, Bass, Fretless Bass, Moog Pedals, Drum loop programming, Percussion loop programming, Keyboards, FX

Gäste:
Nick D’Virgilio – Schlagzeug (Ex- Spock’s Beard)
Bob White – Schlagzeug
Gary Chandler – Gitarre
Martin Orford – Flöte
Tony Levin – Bass

Di Skografie

Crimes & Reasons (2012)
Into The Ether (2009)
Part Two: Emotional Creatures (2007)
Emotional Creatures: Part One (2005)

Die Netzangebote

Steve Thorne ist hier im Netz zu Hause, aber ofenbar nicht sehr häufig…