
Olli Schulz in seinem Element, mit Mikro vor den Lippen (promo-pic: fairmedia)
Diese Geschichte ist eigentlich unmöglich, aber echt wahr. Auf 15 Minuten will ich das Gespräch mit Olli Schulz deckeln. Weil die Vermutung nahe liegt, dass der Schnell- und Vielredner in dieser Zeit so viel von sich gibt wie andere in einer halben Stunde. Weil Zeit Geld ist, muss ich wirtschaftlich denken und verwickele den norddeutschen Unterhaltungskünstler in ein Interview, das fünf von sechs möglichen Themen behandeln soll. Nach Adam Riese werden Olli Schulz so etwa drei Minuten brutto pro Thema bleiben. (Ich führe in Klammern Buch!) Die Begrenzung ergibt zusätzlich Sinn, weil Olli sich bei einem vorgelagerten Radiointerview natürlich verquatscht hat und mich ne Weile warten lässt.
Olli, das Interview kommt für mich wie gerufen. Echt wahr, ich lege gerade draußen den Rasen tiefer und brauche die Pause vom Buddeln. Das macht eigentlich überhaupt keinen Spaß, nur Schweiß.
Olli Schulz: Das glaube ich, das ist nicht schön. Ich hab ja überhaupt keine Ahnung von Gartenarbeit, mir fehlt der grüne Daumen.
Warum? Innenstadtwohnung in Kreuzberg und kein Grün drumherum?
Doch, Kreuzberg ist schon grün. Aber ich muss ja gottlob nicht den Görlitzer Park umgraben. Außer vielleicht, wenn ich Drogen suchen würde. Da wird ja immer viel verbuddelt, weil das dort immer noch eine heiß umkämpfte Szene ist. Aber davon halte ich mich ja fern. Nein, ich habe eine Wohnung ohne Garten, nur mit einem kleinen Balkon und zwei jämmerlichen kleinen Topfpflanzen drauf. (1:14)
Ich habe sechs Themen zur Auswahl, davon müssen wir fünf nehmen, über die ich sprechen möchte. Nein, ich natürlich nicht, sondern du, oh Pardon, oder Sie oder auch Ihr beide? Darf ich die mal kurz aufsagen?
Ja.
Danke. Als da wären: Adele, Frühling, Rettung, GEMA, die neue DVD und Mike Krüger. Den Frühling haben wir ja schon kurz angesprochen, den müssen wir also nehmen. Ein Thema ist tabu.
Also, mit Adele kenne ich mich zu wenig aus. Ich weiß nur, dass die wahnsinnig erfolgreich ist. Ich hab keine ihrer beiden Platten gehört. Dass sie zwei gemacht hat, ist alles, was ich weiß. Darum lassen wir die lieber weg, ja? (2:00)
Nein, geht nicht, tut mir Leid. Ich mach’s mal kurz.
Ja.
Wir müssen die neue DVD weglassen, die besprech ich ja sowieso noch, darüber müssen wir uns dann nicht auch noch unterhalten, oder?
Ach, so. Ne, okay, dann müssen wir uns darüber nicht noch unterhalten…
Das ist gut, danke. Also, fangen wir mit dem Frühling an?
Ja.
Das Thema haben wir schon durch. Ich hab über meinen Rasen gesprochen, und darüber sind wir auf dem Balkon in Kreuzberg gelandet. Das würde mir reichen, oder müssen wir die beiden Topfblumen noch vorm Verwelken retten?
Nö, die werden immer eifrig von meiner Frau gegossen. Die passt schon auf, dass die nicht verwelken. (2:36)
Vom passiven Gärtner Olli Schulz flugs zu Adele. Die Sängerin nimmt sich ja heraus, so gut wie keine Interviews zu geben. Hat sie natürlich in einem Interview mitgeteilt. Ist das nicht der Traum für einen Unterhaltungskünstler, nicht mit wildfremden Menschen wie mir sprechen zu müssen?

Olli Schulz live am Flügel, den er nur als Laptop-Tisch benutzt (promo-pic: fairmedia)
Das ist wirklich ein großer Traum. Und ich bewundere auch Künstler, die das schaffen, sich so aufzubauen und zu positionieren, dass sie Interviews gar nicht nötig haben. So eine Band wie Rammstein muss ja auch kaum Interviews geben. Ist doch toll, da kann man sich mehr auf die Musik und alles andere konzentrieren. Mir fällt es immer schwer, so viel über mich selbst zu reden. Da muss ich immer anfangen, mich zu definieren und zu erklären. Das mag ich alles gar nicht so gerne. Ich habe allerdings jetzt eine Plattenfirma, die dafür Verständnis aufbringt, dass ich mir die Perlen aussuchen darf. Derwesten gehört natürlich zu den absoluten Speerspitzen des investigativen Journalismus’, deswegen bin ich hier jetzt dabei! (3:41)
Aber wir kennen uns doch gar nicht…
Nee, ich weiß. Aber die Plattenfirma meint, es ist ganz gut, wenn ich in den Westen gehe.
Gut, es dauert ja auch nicht so lange, und mein Garten ruft schon nach mir. Adele hätten wir abgehakt, Olli, kommen wir vielleicht zum nächsten Thema Rettung. Die neue CD trägt im Titel das Wort „save“. Wovor muss Olli Schulz eigentlich gerettet werden?
Olli Schulz muss davor gerettet werden, dass er nicht wahnsinnig wird in diesem Musikbusiness, in dem er seine Platten veröffentlicht. Darin weiter zu existieren ist nämlich gar nicht mal so einfach. Es ist jetzt die fünfte Platte, die ich gemacht habe, bei der vierten Plattenfirma. Ich gehöre zu den Künstlern, die zwar immer ein schönes Publikum haben, das reichhaltig bei den Konzerten erscheint. Aber ich habe nie die Erwartung der großen Plattenfirmen erfüllt. Die Sony hat nach meiner vierten Platte den Vertrag nicht verlängert, und so hieß es, für die neue CD wieder eine Plattenfirma zu finden. Und das ist wahnsinnig mühselig, dieses gesamte Business-Gequatsche, wieder einen neuen Vertrag zu verhandeln. Und das hat mich so ein bisschen genervt. Genervt hat mich auch, wie eben bei den Interviews schon gesagt, dass man durch so eine Schweinetour gejagt wird. Das war bei der letzten Platte mit Sony ganz schlimm. Ich habe ohne Ende Interviews gegeben, bin in fünf Medienstädte eingereist, um dort Interviews zu machen. Hat am Ende auch nicht mehr gebracht. Da machst du unendlich viele Sachen um deine Kunst herum, die einen doch ziemlich aussaugen. Außerdem ist es immer schwer, Musiker zu finden, die mit einem am selben Strang ziehen. Du musst die Musiker bezahlen, und das alles hat mich so sehr genervt, dass ich schon überlegt habe, keine Platte mehr zu machen. Bis ich dann doch ganz langsam wieder angefangen habe, Songs zu schreiben. Und den Titel finde ich ganz passend, weil er die Umstände beschreibt, wie diese Platte entstanden ist. (5:54)
Ich hätte nun Mike Krüger im Angebot.
Ja.
Wie kriegen wir denn da jetzt eine Verbindung zu Olli Schulz hin?
Ich hab Mike Krüger nie gehört. Das ist das Problem. Ich kenne nur die Filme mit Thomas Gottschalk, die ich als Kind natürlich auch geguckt habe. Den Film Die Einsteiger fand ich damals ganz witzig. Als Kind hast du doch genau diesen Traum, in die Filme einzusteigen, die du toll findest. Das Prinzip damals war, glaube ich, dass die eine Maschine erfunden hatten, mit der sie in ihre Lieblingsfilme eindringen konnten. Das klingt doch toll, super Sache! Das ist das Einzige, das mich mit Mike Krüger verbindet. Ich habe nie eine Platte von ihm besessen. (6:40)
Hm. Eine gewisse Art Humor und der nördliche Zungenschlag reichen also nicht aus, um Olli Schulz zum modernen Mike Krüger zu küren?
Ich hab gerade nicht einen guten Gag von Mike Krüger im Kopf. Mike Krüger hat doch immer so…
…den Nippel durch die Lasche gezogen?
…den Song kenne ich. Aber kann man das mit mir vergleichen?

Olli Schulz live (promo-pic: fairmedia)
Wohl nicht. In deinem Fall habe ich übrigens einen Fehler gemacht. Ich habe zuerst deine CD save Olli Schulz gehört und dann die DVD angeguckt. Beim Ansehen des Pressemusters der Live-DVD habe ich erst festgestellt: Boah, sind die Lieder live gut.
Hat dir die DVD gefallen?
Ja, die DVD gefällt mir. Zum Bonus-Teil mit der skurrilen Band-Reise allerdings muss ich sagen: Der ist wohl nur was für echte Fans.
Der ist nur was für ganz Hartgesonnene, das stimmt allerdings.
Ja, ich hab mir das so zehn Minuten ungefähr angeguckt. Und dann gedacht: Wenn ich mir die normale Bühnenshow viermal reingezogen habe, bin ich ein so eingefleischter Fan, dass sich mir auch das Bonus-Material erschließt.
Ja, deswegen ist das ja auch ein Bonus.
Genau, Bonus ist Bonus und alles andere als schlecht. Aber wir sind von Mike Krüger abgekommen und davon, warum ich mich überhaupt an ihn erinnert fühlte. In einem der Live-Songs im späteren Teil der DVD hörte ich auf einmal den Krüger-Helden meiner Jugend durch dich sprechen. Hätten wir das auch. Thema fünf von sechs ist die GEMA. Fluch oder Segen?
Eigentlich ist die GEMA schon ein Segen für den Künstler, wenn sie denn mal richtig aufgestellt wäre. In unserer modernen Zeit ist das gerade das Problem. Es gibt heute so viele Wege, Musik zu vertreiben, und die GEMA kommt da nicht hinterher. Es bedarf dort wohl einer Reform. Damit es eine Klärung in der ganzen Internet-Diskussion gibt, die gerade wieder von Sven Regener angespitzt wurde. Ich kann als Künstler, der zehn Jahre Platten macht, nur sagen, dass ich aufgewachsen bin mit dem Phänomen, dass man CDs brennt, aus dem Netz saugt und dass man bei Youtube Videos umsonst angucken kann. Ich finde das nicht toll, habe es aber zu akzeptieren, weil es für mich gar keine andere Zeitrechung gab. 2003 kam meine erste Platte, und seitdem wird auch schon gebrannt oder auch ein paar Jahre länger. Leider spielen Künstler wie ich, die nur eine überschaubare Anzahl von Platten verkaufen, gerade mal die Produktionskosten für ein Album wieder ein. Also profitiere ich von der GEMA eigentlich nur über Live-Auftritte. Wenn ich live spiele, anschließend fleißig meine GEMA-Bögen ausfülle und dafür dann mein Geld bekomme. Das ist schon super. Es wäre natürlich schön, wenn man grundsätzlich eine Lösung finden würde, das Geld zu bekommen, das einem zusteht. Auch für Youtube-Clips etwa. Dass es da keine Einigung gibt! Wobei ich nicht mal sagen will, dass das allein an der GEMA liegt, auch Google spielt da nicht mit, weil die nicht bereit sind einzulenken. (10:41)
Sind wir denn inzwischen nicht wieder da angekommen, dass der Künstler von der Bühne in den Mund lebt?
Ja, das ist ja das Traurige daran, weil die Ticketpreise immer teurer werden. Ich habe normalerweise immer versucht, bei meinen Shows unter 20 Euro zu bleiben. Jetzt gehe ich bei der neuen Tournee zum ersten Mal raus und nehme 21 Euro. Das ist okay. Ich wünschte aber, es wäre nicht immer so angelegt, als Künstler über die Ticketpreise noch viel Geld zu verdienen. Ich will doch Menschen, die sich eine Show zum ersten Mal angucken möchten, auch die Gelegenheit dazu geben. Und niemanden abschrecken, dass er sagt: Wow, das ist mir aber jetzt zu viel Geld. Da ist, glaube ich, gerade eine blöde Verlagerung. Es fehlt an neuen Geschäftsmodellen, wie ich als Künstler an mein Geld kommen kann. Ich will ja auch nicht meine T-Shirts für 30 Euro verkaufen. (11:30)
Die GEMA habe ich als Thema in meine Liste aufgenommen, weil in deiner DVD ja ab und zu ein paar Einblendungen kommen.

Olli Schulz mit theatralischen Qualitäten, hier in Goethes ... (promo-pic: fairmedia)
Wir haben diese Tafeln mit einem kleinen Augenzwinkern einmontiert. Wir haben uns nicht mal um die Rechte für die paar Musikstücke bemüht, da wäre die Arbeit viel zu hart gewesen. Bei dem einen Mal cover ich Kiss’ I Was Made For Loving You, das andere Lied hab ich jetzt gar nicht in Erinnerung. Also zwei Lieder, über die wir diese Einblendungen legen mussten. Alles halb so wild. (12:14)
So, das waren dann am Ende doch sechs von sechs Themen. Ist das schlimm?
Nein, überhaupt nicht.
Hättest du noch etwas, das du von mir wissen wolltest?
Ähm.
Oder soll ich dir direkt mit einer Antwort dienen?
Ja.
Ich habe die DVD gestern Abend in der Badewanne geguckt.
Ah, und wie war das?
Warm und nass.
Und auch unterhaltsam oder mehr so: Ach, jetzt könnte es auch endlich vorbei sein, damit ich endlich aus der Badewanne raus kann?
Nein, nein. Meine Frau kam irgendwann um die Ecke und fragte, ob ich wohl eingeschlafen sei. Ich hab mich wohl ziemlich lange mit der DVD aufgehalten.
Ah, okay. Aber eingeschlafen bist du nicht, das ist schon mal gut. Das ist ein gutes Zeichen. (12:53)
Eingeschlafen? Überhaupt nicht. Mehr davon!
Ja. Es gibt jetzt ne Tour ab dem 12. April, und dazu auch ein neues Programm. Ich wäre ja wahnsinnig, wenn ich das DVD-Programm jetzt noch mal auf der Tour zeigen würde. Die Leute, die sich die DVD kaufen, kennen das dann alles schon. Das wär dann ja auch schade.
Wie viele Geschichten auf der neuen Tour sind eigentlich frei erfunden, und wie viele hast du als Bühnenroadie tatsächlich erlebt?
Das verrate ich nicht. Ich erzähl das ja auch auf der DVD: Die Kunst besteht doch darin, nicht mit erstunkenen und erlogenen Geschichten zu kommen. Aber es kann schon mal sein, dass ich mir ne Pointe dazu knote. Ich finde, das ist auch völlig legitim. Ne Gute Geschichte musst du gut erzählen, und dazu darf ich mir auch eine gute Pointe ausdenken, wenn der Rest der Geschichte sensationell ist. 80 bis 90 Prozent sind schon wahr. Und dann gibt es kleine künstlerische, ähm,… (13:48)
…Kniffe?
…Einspieler, Kniffe, genau.
Bei Schriftstellern erwartet ja auch niemand eine Doku, oder?
Genau. Ich meine, es gibt eine Menge Leute, die darauf pocht, dass man Authentizität zeigen muss. Ein großer Hörerkreis an Menschen, die das immer schätzen, wenn man so authentisch, so ehrlich ist und so weiter. Wer tatsächlich was Authentisches erleben will, der kann ja mal einen Nachmittag im Krankenhaus verbringen. Das Leben ist doch authentisch genug, da muss ich nicht derjenige sein, der 1:1 das Leben erklärt. Ich möchte die Leute unterhalten, und das auf eine sympathische Art und Weise. Und dazu gehört, dass ich mir auch mal eine Pointe ausdenke. (14:47)
Vielen Dank fürs Gespräch!
Sehr gerne. Schreib was Schönes, gib dir Mühe, Volker!
Wird schon, unsere 15 Minuten muss ich jetzt nur noch abtippen, vielen Dank auch dafür. Da freu ich mich schon drauf, echt wahr!
Ich muss heute noch fünf Interviews geben, das ist auch nicht besser.
Du armer… Halt durch!
(Nachtrag: Das waren sie, meine allerersten, zeitlich genau gesetzten und handgestoppten 15 Minuten mit Olli Schulz. Und nur solche Harten müssen direkt wieder in den Garten.)
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Im Blog gibt es hier eine Betrachtung von Olli Schulz’ neuer CD SOS.